Dokumentation der Restaurierung
2. Restaurierung des OrgelgehäusesDas Orgelgehäuse ist im Laufe seines Bestehens im wesentlichen unverändert geblieben. Es stand vermutlich zeitweise in einem Raum, der ein Gewölbe oder eine Dachschräge aufwies, denn das hintere obere Gehäuseteil war schräg abgeschnitten gewesen und wurde zu einem späteren Zeitpunkt wieder angesetzt. Durch die Farbfassung ist dies kaum noch zu erkennen. Das Gehäuse besteht aus einem großen rechteckigen, gezinkten unteren Teil, der die Bälge und heute das Gebläse enthält, sowie einem kleineren Teil, in dem die Klaviatur, die Mechanik, die Lade und das Pfeifwerk enthalten sind. Der Prospekt ist flächig angelegt und hat drei Felder, die oben rund geschlossen und mit Schnitzereien versehen sind. Die Prospektpfeifen werden durch ein mit Schnitzwerk verziertes Raster von vorne gehalten. Der Prospekt kann mit zwei jeweils geteilten Flügeltüren verschlossen werden, die über Haken und Ösen zugehalten werden. Am Übergang zwischen Ober- und Untergehäuse ist der Kanal mit einer Belederung versehen worden, die die Dichtigkeit zwischen beiden Teilen herstellt.
Die Farbfassung wurde von dem Kunstrestaurator Paul-Uwe Dietzsch in Worpswede restauriert. Angaben dazu sind in dem entsprechenden Bericht zu finden. Die senkrechten Rahmenstücke des Prospektes hatten sich verzogen und eines war über ein aufgeschraubtes eisernes T-Profil begradigt worden. Dieses wurde von uns durch eine Holzstrebe aus Kastanienholz ersetzt. Die Rückwand der Orgel bestand aus einem (neueren) Rahmen, der mit zwei Lagen Stoff bespannt war. Die innere Lage wurde von uns mit Warmleim gehärtet, um eine bessere Schallabstrahlung zu erreichen. Der Schalter an der Rückseite des Untergehäuses wurde entfernt und das Loch verschlossen. Anstelle dessen wurde eine Kaltgerätesteckdose im unteren Bereich des Unterteils vorgesehen.
3. Restaurierung der KlaviaturenManualklaviatur Die Fhrungen waren so stark ausgeschlagen, daß die Tasten teilweise bereinander kamen und so beim Spiel Nachbartasten mit gedrckt wurde. Die vorderen Klaviaturfhrungen waren durch Aufdoppeln von Nubaum-Fhrungen erneuert worden. Diese wurden beibehalten und nur dort, wo sie zu weit ausgeschlagen waren, erneuert.
Die Sitze der Führungsstifte im Klaviaturrahmen waren völlig ausgeleiert, sodaß die Rahmen ausgefräst und mit Nußbaum ergänzt werden mußten.
Die Klaviaturwange der C-Seite war verwurmt und noch original, die andere Seite bereits ersetzt worden. Die Klaviatur-Blende war nicht mehr original und wurde von uns erneuert, um sie besser an die restaurierte Klaviatur anpassen zu können. Die vorhandene Klaviaturblende wurde im Instrument gelagert.
Pedalklaviatur Die nicht mehr originale Pedalklaviatur wurde zerlegt und gereinigt. Alle ausgeschlagenen Führungen wurden neu mit Leder ausgekleidet und die ledernen Tastenscharniere gefestigt.
4. Restaurierung der WindladeKanzellenkorpus, Windkasten Die Manualwindlade wurde aus einer Nußbaumbohle herausgearbeitet. Dabei wurde auch der Kern verwendet, der mitten durch die Ventilsitze läuft.
Bis auf die teilweise erneuerten Pulpeten war die Windlade original erhalten. Die Rückwand des Windkastens bestand sehr einfach aus zwei Brettern, die mit Lederstreifen zwischen die Seitenwände und einen Mittelsteg geleimt waren.
Außerdem wurden sie am Registerwellen-Angriffspunkt aufgedoppelt, da sie von dem Wellenarm nur sehr knapp beaufschlagt wurden. Es wurden
Die vorhandenen Ventilfedern waren sehr stark und haben zu einer sehr zähen Spielart geführt. Wir haben die Federn in einem schwächeren Material neu angefertigt und die alten Federn im Gehäuse gelagert. Die Traktur ist durch den Einbau dieser neuen Federn jetzt wesentlich sensibler geworden.
Stöcke und Raster Die Stöcke waren in zwei Blöcken zusammengefaßt. Sie waren zusammen mit Lade und Schleifen gebohrt und zusammen ausgebrannt worden. Sie waren noch original. Die Befestigung auf den Dämmen erfolgt über schmiedeeiserne, mit Lederscheiben unterlegte Nägel. Sie wurden an der Unterseite mit Lederdichtungen versehen. Einige unrunde Stockbohrungen wurden ausgestemmt und nach Einsetzen eines neuen Holzstückes neu gebohrt und gebrannt. Das Raster erstreckt sich über alle Register und hält die Pfeifen oberhalb der Labien, wie es typisch für den italienischen Orgelbau ist. Das Raster war nicht mehr original, es wurde repariert und wiederverwendet.
5. Restaurierung der TrakturenSpieltraktur Die Spieltraktur besteht aus einem Wellenbrett mit eisernen Wellen und den zwischen Klaviatur, Wellenbrett und Lade befindlichen Drahtabstrakten. Das Wellenbrett wurde ausgebaut und wieder leichtgängig eingerichtet. Die eisernen Wellen sind am Ende jeweils umgebogen und flach geschmiedet worden und werden einfach mit metallenen Ösen gehalten. Die Wellen wurden in den Ösen gesäubert und so eingerichtet, daß sie wieder leicht laufen.
Die Abstraktendrähte mußten jeweils einzeln so gebogen werden, daß die Tastenfronten in Waage stehen, da es keinerlei Regulierungsmöglichkeiten gibt. Das Pedal ist angehängt und wurde über gewebte Leinenbänder mit der Manualklaviatur verbunden. Wir haben, um die Klaviatur nachjustieren zu können, in die Bänder eine Reguliervorrichtung eingefügt, die ursprünglich wohl nicht vorhanden war.
Registeranlage Einzelne Arme waren aufgeplatzt und wurden zugelötet. Die Verbindungsstifte zwischen Wellenarmen und Registerzugstangen waren viel zu klein, sodaß die Traktur sehr wackelig und indifferent war. Hier wurden jeweils passende Stifte eingesetzt, sodaß die Anlage jetzt wieder präzise und gleichmäßig funktioniert. Die Manubrien bestehen aus gegossenen Messingknäufen, die sich im italienischen Orgelbau öfter finden. Sie wurden von Farbresten gesäubert und ansonsten belassen. Alle Registerzüge wurden so eingerichtet, daß sie möglichst gleichmäßig ziehen. Der Tiratutti-Zug wurde ebenfalls so überarbeitet, daß er alle dazugehörenden Register so abstößt, daß sie gleichmäßig bewegt werden.
6. WindanlageBalg- und Kanalanlage Das Instrument besitzt zwei Keilbälge, die seitlich über zwei Hebel aufgezogen werden können. Zusätzlich wurde später ein elektrisches Gebläse in das Untergehäuse eingebaut. Es hängt im Untergehäuse und versorgt über eine Drossel die Orgel mit Wind. Die Balganlage war intakt und wurde von uns nicht weiter bearbeitet. Die Kanalanlage im Obergehäuse ist original, im Untergehäuse wurde sie seinerzeit für den Einsatz eines Gebläses geändert.
7. Restaurierung des PfeifwerksInventarisierung Daraus ergab sich zusammengefaßt der Bestand wie er in der Anlage 2 dargestellt ist (in der Reihenfolge, wie die Register auf der Lade stehen). Anhand von Bauweisen und Inschriften, von denen es allerdings zahlreiche gab, konnten ziemlich sicher originale von später hinzugefügten Pfeifen unterschieden werden. Leider ist ein großer Teil der Pfeifen zwar alt, stammt aber wohl aus unterschiedlichsten Instrumenten.
Holzpfeifen Alle Pfeifen wurden gereinigt und der Leimbolus, mit dem sie außen bestrichen waren, abgewaschen. Danach wurde erst sichtbar, daß die Pfeifen aus Korkeiche oder Kastanie gefertigt waren, die teilweise recht wild gewachsen war. Gleichzeitig wurde das Ausmaß der Schäden und Veränderungen sichtbar. Die Kernspalten waren teilweise dadurch gebildet oder vergrößert worden, daß die Vorschläge mit dickem oder mehreren Lagen Leder aufgeleimt waren. Das Leder war teilweise nicht dicht, sodaß die Pfeifen in diesem Bereich abbliesen. Das Leder wurde entfernt und durch Aufleimen von Holz die erforderliche Fläche für den Vorschlag hergestellt.
Ein großer Teil der Holzpfeifen hatte neu eingesetzte Oberlabien erhalten, wie sich nach Abwaschen der Leimfarbe zeigte. Diese erneuerten Labien wurden beibehalten.
Alle Holzpfeifen wurden mit Warmleim ausgegossen, um alle Löcher zu schließen. Es wurden zudem gerissene Pfeifen ausgespänt und Füße repariert.
Das hölzerne Pfeifwerk der Orgel stellte sich als äußerst inhomogen dar: Die Pfeifen haben sehr unterschiedliche Labienlängen, Vorschläge und Kerne, sodaß nicht zu entscheiden war, was vielleicht aus dem ursprünglichen Instrument stammte bzw. wie eine ursprüngliche Aufschnitthöhe ausgesehen haben könnte. Zudem war es mensurenmäßig sehr ungleich abgestuft bzw. verschoben. Das Pfeifwerk wurde nach seiner Instandsetzung mensurenmäßig so geordnet, daß deutliche Mensurfehler korrigiert wurden. Die Querholzspunde der gedeckten Pfeifen des Principale wurden durch Spunde aus Längsholz ersetzt, die mit der Pfeife arbeiten können. Damit sie auch tiefer gestimmt werden können, erhielten Sie eine Schlaufe, an der sie hochgezogen werden können.
Metallpfeifen - Innenpfeifen - Alle Metallpfeifen wurden gewaschen. Anschließend wurden sie gesichtet und untersucht. Nur in wenigen Registern war das Pfeifwerk komplett original. Dort wo die Pfeifen original waren, war es großenteils an den klangbildenden Teilen verändert worden, sodaß sich nur wenige als alte, unbehandelte Pfeifen herausstellten. Anhand des Materials, von Inschriften, Fußlängen und –formen ließ sich mit ziemlicher Sicherheit erkennen, welche Pfeifen zum ursprünglichen Bestand gehörten und welche hinzugefügt worden waren. Das später hinzugefügte Pfeifwerk wurde, da es sich um einen gewachsenen Bestand handelte, beibehalten. Genau wie bei den Holzpfeifen waren auch im Bereich der Metallpfeifen viele Mensurveränderungen und –verschiebungen festzustellen. Sie wurden weitestgehend korrigiert.
Anhand der Handschrift und der Art der Einritzung ist eine Beschriftungsweise als sehr alt einzuschätzen. Es handelt sich hierbei um eine Nummerierung mit Zahlen zwischen 19 und 254. Sowohl auf Körpern und Füßen finden sich diese Zahlen, deren Systematik allerdings nicht zu entschlüsseln war, über das ganze Pfeifwerk verteilt.
Auf drei Pfeifen (Ottava B, Voce umana cs´ und Flauto XII b) findet sich jeweils eine Inschrift, die diagonal über die Pfeife reicht und mit „Inascolo“ oder „Inoscolo Lung“ einen Namen bezeichnet; vielleicht der Name des Orgelbauers oder Pfeifenmachers? Nach der Bestandsaufnahme wurden zunächst alle Körper und Füße gerichtet, alle Lötnähte überprüft, Löcher geflickt und gebrochenes Material repariert. Zu kurze Füße und Körper wurden mit dem gleichen Material angelängt. Das für die Innenpfeifen des Positivs verwendete Material bestand nach den Analyseergebnissen einmal zu 99,8 Prozent, zum anderen zu 94,7 Prozent aus Blei, das mit Kupfer auflegiert war und noch verschiedene Spurenelemente enthielt. Der Kupferanteil erhöht die Festigkeit des Materials und wirkt dem „Fließen“ des Bleis entgegen. Bei den meisten Innenpfeifen waren Aufschnitte und Kerne verändert worden. Vielfach waren Einlötungen in die Labien eingebracht worden, um die Aufschnitte zu erniedrigen. Dies betrifft auch die Prospektpfeifen. Bei den Pfeifen, bei denen keine Einlötungen zu finden waren und die deshalb in diesem Punkt original erschienen, war bei genauerer Betrachtung festzustellen, daß sie aufgetrennt und neu verlötet worden waren. Damit war natürlich die originale Aufschnitthöhe nicht mehr erkennbar.
Die Fußöffnungen waren äußerst unterschiedlich. Völlig offene Füße befanden sich direkt neben fast ganz geschlossenen Füßen. Um die Pfeifen ausbeulen zu können, mußten die Füße geöffnet werden. Sie wurden nach der erfolgten Überarbeitung durch Zukulpen soweit geschlossen, daß die Pfeifen sicher in den Stock-Kesselungen standen. Da etliche Pfeifen so kurze Füße hatten, daß die Pfeifen mit ihren Mündungen schon bündig mit dem Raster standen, wurden die Füße bei diesen Pfeifen verlängert. Bei einigen Pfeifen wurden Nußbaumklötzchen auf den Stock geleimt, sodaß die Pfeifen über das Raster hinausstanden. Insgesamt wurden alle aus dem Rahmen fallenden Füße den originalen Fußlängen angeglichen, sodaß sich nunmehr ein einigermaßen gleichmäßiger Pfeifenablauf ergibt.
Die Mündungen wurden, da das Pfeifwerk ohnehin für die mitteltönige Stimmung geändert werden mußte, soweit erforderlich, abgeschnitten und neu angelängt. Drei Pfeifen, die vom Material und der Bauweise her in keiner Weise paßten, wurden neu angefertigt; alles übrige Material wurde wiederverwendet.
Für die Anlängungen wurde gegossenes, gehämmertes und von Hand abgezogenes Material mit der entsprechenden Legierung verwendet.
- Prospektpfeifen - Im Bereich der Kernspalte und des Oberlabiums hat dies natürlich Auswirkungen auf die Tonbildung. Aus diesem Grund sind fast alle Prospektpfeifen jeweils an Unter- und Oberlabium mit Einlötungen versehen gewesen. Sie wurden, um kein weiteres originales Material zu verlieren, so belassen, auch wenn sie handwerklich nicht zufriedenstellend gemacht waren. Um die eingelöteten Teile optisch nicht so stark hervortreten zu lassen, wurden sie von uns mit Wasserfarben kaschiert.
8. IntonationGrundsätzliche Vorgehensweise Bei der Intonation der Orgel galt der Grundsatz, die vorhandenen Originalpfeifen in ihrer ursprünglichen Intonationsart optimal zum Klingen zu bringen. Die Fußlöcher wurden, wie oben bereits beschrieben, wieder auf ihr ursprüngliches Maß gebracht. Nach der Reinigung der Kerne vorgefundene Kernstiche wurden belassen. Anhand komplett originaler Pfeifen wurde der Winddruck überprüft. Er wurde mit 44 mm Wassersäule vorgefunden. Während der Intonationsarbeiten stellte sich heraus, daß das alte Pfeifwerk mit einem Winddruck von 40 mm am besten „sprach“. Dieser wurde für die Intonation zugrundegelegt und das Pfeifwerk darauf eingerichtet. Vorher waren viele Pfeifen mit – auch im Vergleich mit direkten Nachbarpfeifen – erniedrigten Aufschnitten durch rigoroses Einziehen der Pfeifenfüße überhaupt erst einigermaßen funktionsfähig gemacht worden. Nachdem die Pfeifenfüße geöffnet und egalisiert worden waren, waren in der Folge einige durch Einlöten erniedrigte Aufschnitte deutlich zu niedrig und mußten nachgeschnitten werden. Die Intonation der neuen Ergänzungspfeifen wurde dem vorgefundenen Stil entsprechend durchgeführt. Die Voce umana wurde, da keinerlei gesichert Erkenntnisse vorlagen, woher das Instrument stammt, nach Rücksprache mit den Sachverständigen zunächst unterschwebend gestimmt. Als Folge der Homogenisierung ergab sich ein klareres und trotz der Winddruckabsenkung ein tragfähigeres Klangbild. Nach etwa 225 Jahren hat diese kleine Orgel wieder eine in sich geschlossene Klanggestalt zurückerhalten, von der man ausgehen kann, daß sie dem Original weitgehend entspricht. Temperatur - Stimmtonhöhe Das Instrument war bei unserer ersten Untersuchung nach Valotti gestimmt. In Zusammenarbeit mit dem Sachverständigen-Ausschuß wurde festgelegt, daß das Instrument wieder rein mitteltönig erklingen sollte, wie es sicherlich ursprünglich gewesen war. Die Stimmtonhöhe wurde auf a = 440 Hz bei 18 Grad Celsius festgelegt, um das Instrument auch mit den anderen Orgeln der Marktkirche zusammen nutzen zu können.
9. NachwortEs war für uns eine sehr interessante und befriedigende Aufgabe die Restaurierung dieser kleinen italienische Orgel durchgeführt zu haben. Danken möchten wir allen, die zum Gelingen dieses Projektes beigetragen haben:
Gedankt sei schließlich besonders meinen Mitarbeitern und Helfern Herrn Hecker, Herrn Wollert, Herrn Rühl sowie Herrn Kruse und Hanna-Naemi Bente, die alle zum Gelingen beitrugen.
Helsinghausen im September 2007 Jörg Bente, Orgelbaumeister
Anlage 1: DispositionErbaut von dem Orgelbauer Fabrizio Cimino, um 1780 (vermutet)
Anlage 2: Pfeifenaufstellung
* unverändert an den klangbildenden Teilen Ober- oder/und Unterlabium
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